Franz Kratochwil

Klaviersonate

Inspiration ist alles, dachte ich, stellte eine Schale mit Konfekt und ein Glas Rotwein neben das Klavier, zündete im silbernen Leuchter die Kerzen an, legte den gespitzten Stift neben die noch leeren Notenblätter und griff in die Tasten. Ich lauschte den ersten Tönen, führte behutsam meine Hände über die Klaviatur. Ich versuchte meiner musikalischen Idee, die ich schon den ganzen Tag pfiff und summte, eine Form zu geben.

Vor vielen Jahren hatte ich mal Musik studiert, Klavier und Komposition, drei Semester, bevor ich mich dann doch für die Juristerei entschied. Die Liebe zur Musik ist geblieben, genau so wie die Lust zum Komponieren. Einige kleine Stücke für Klavier hatte ich schon in Noten gesetzt, Freunden vorgetragen, und viel Lob bekommen.

Jetzt saß ich also vor den weißen und schwarzen Tasten und komponierte, besser gesagt, versuchte zu komponieren.

Aber an diesem Abend war alles ein wenig anders. So sehr ich mich auch bemühte, ich konnte meinen musikalischen Einfall nicht zu Ende bringen. Immer wieder spielte ich diese Melodie, dann schrieb ich sie auf, spielte sie wieder, korrigierte die Noten auf dem Papier, strich einige, fügte andere ein, zerknüllte das Notenblatt, nahm ein Neues, griff wieder in die Tasten, gestaltete neu, hörte den Klang, setzte die Noten, spielte sie wieder, und verzweifelte.

Ich tauschte die heruntergebrannten Kerzen aus, nahm ein Stück Konfekt, nippte am Rotweinglas, dann versuchte ich mich wieder an den Tasten, es half alles nichts. Langsam wurde ich müde, vom nahen Kirchturm schlug es Mitternacht, ich löschte die Kerzen und ging zu Bett. Ich träumte, träumte von schwarzen und weißen Tasten, die sich wie Bausteine zu Wänden formten, die mich einschlossen. Ich träumte von Noten, die wie Regentropfen diese Wände hinunterliefen, von dumpfen Tönen begleitet.

Ein Geräusch ließ mich aus dem Traum erwachen. Ich schreckte hoch und traute weder meinen Augen noch meinen Ohren. Aus dem Nebenzimmer, wo das Klavier stand, flackerte Kerzenlicht, Musik drang an mein Ohr, meine Melodie, mein musikalischer Einfall, an dem ich mich den ganzen Abend lang versuchte. Jetzt hörte ich ihn, durchkomponiert, brillant gespielt. Mein Motiv, meine Idee, meisterhaft vollendet. Unfähig, mich zu bewegen, saß ich im Bett. Hörte eine Klaviersonate, meine Sonate in drei Sätzen. Allegro, Andante, Presto. Ich spürte eine leichte Gänsehaut, dann der Schlussakkord, eine Tür fiel ins Schloss, dann war Stille.

Ich sprang aus dem Bett, lief ins andere Zimmer, merkwürdig, ich hatte keine Angst. Was ich sah, ließ mich staunen. Die Kerzen waren knapp am verlöschen, das Rotweinglas war leer, das Konfekt aus der Schale verschwunden. Auf dem Klavier lagen eng beschriebene Notenblätter, sauber gesetzt, Note an Note, ohne Korrekturen, makellos. Am Ende des letzten Blattes fand ich eine kleine Notiz, an den Rand geschrieben:

"Lieber Compositeur, so darf ich Euch doch nennen, oder? Ich konnte nicht mit ansehen, wie Ihr Euch gemüht habt, letzten Abend, Euren kleinen musikalischen Einfall in Noten zu setzen. So habe ich, zwar nicht Eure Erlaubnis einholend, aber doch mit großem Spaß beschlossen, Euch ein wenig zu helfen. Ich habe mir gestattet, als kleines Honorar, das Konfekt aus Eurer Schale mitzunehmen. Gar köstlich, diese süssen runden Kugeln, verpackt in ein Papier mit meinem Konfertei, und noch dazu nach mir benannt. Ich empfehle mich, Euer Wolfgang Amadé."

 

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MA 07.08.2009